Eva war der Inbegriff von Disziplin. Mit 25 Jahren hatte sie sich eine Routine geschaffen, die Effizienz und Kontrolle vereinte. Ihr Tag begann früh mit einer Laufrunde durch den Park, gefolgt von einem sorgfältig zusammengestellten Frühstück – meist Haferflocken mit frischen Beeren und einem proteinreichen Smoothie. Danach ging es ins Büro, wo sie sich voller Ehrgeiz in ihre Arbeit stürzte.
Ihr Job in einer Unternehmensberatung verlangte ihr viel ab, aber sie liebte die Herausforderung. Deadlines, Präsentationen, lange Meetings – all das meisterte sie mit einer unerschütterlichen Struktur. Selbst in der Mittagspause wich sie nicht von ihrem Plan ab: Während ihre Kollegen Pasta oder Burger bestellten, brachte Eva sich selbstgemachte Salate mit Hähnchen oder Quinoa mit Gemüse mit. Gesund, nährstoffreich, perfekt portioniert.
Nach der Arbeit ging es entweder ins Fitnessstudio oder zu einer Yoga-Stunde. Bewegung war für sie genauso selbstverständlich wie ihr strukturiertes Essverhalten. Anschließend bereitete sie sich ein leichtes Abendessen zu – meist gedünstetes Gemüse mit Fisch oder ein Omelett mit Avocado. Danach folgte eine Stunde Entspannung mit einem Buch oder einer Serie, bevor sie früh schlafen ging, um am nächsten Morgen wieder voller Energie durchstarten zu können.
Doch in letzter Zeit fühlte sich Eva zunehmend ausgelaugt. Die Projekte häuften sich, Überstunden wurden zur Norm, und die Wochenenden bestanden immer öfter aus zusätzlicher Arbeit statt aus Erholung. Sie spürte, wie ihre Energie schwand, doch an ihrer Routine wollte sie nicht rütteln. Schließlich hatte sie sich diese Disziplin hart erarbeitet.
Doch dann geschah etwas Unerwartetes. Ein besonders stressiger Arbeitstag hatte sie völlig erschöpft nach Hause gebracht. Anstatt sich wie gewohnt ihr gesundes Abendessen zuzubereiten, ließ sie sich auf das Sofa fallen. Ihr Magen knurrte, und ein ungewohntes Verlangen nach etwas Herzhaftem machte sich breit. Normalerweise hätte sie das ignoriert, aber an diesem Abend war etwas anders. Ihr Blick fiel auf eine Tüte Nüsse, die sie eigentlich für Gäste gekauft hatte.
Zögernd griff sie hinein, dann noch einmal. Die salzigen, knusprigen Kerne schmeckten überraschend gut. Fast automatisch nahm sie eine Handvoll nach der anderen. Sie spürte eine ungewohnte Zufriedenheit – ein Gefühl der Belohnung nach einem anstrengenden Tag.
Eva dachte nicht weiter darüber nach. Es war doch nur eine Kleinigkeit. Ein einmaliger Ausrutscher. Doch sie ahnte nicht, dass genau dieser Moment der erste, leise Schritt in eine neue Richtung war.
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